Ehemalige Kindersoldaten finden ihren Platz in der Gesellschaft

Kolumbien: Medellín - COM 17-015

Mit dem Friedensvertrag zwischen dem kolumbianischen Staat und der Guerilla-Gruppe FARC wurden viele Kindersoldaten freigelassen. Nun stehen sie vor einer grossen Hürde: sie müssen den Weg zurück in die Gesellschaft meistern. Die Salesianer Don Boscos betreiben in Medellín ein Zentrum, das sie bei dieser Herausforderung ganzheitlich unterstützt. Sie erhalten psychologische Betreuung, können die verpasste Schulbildung nachholen und anschliessend eine Berufsausbildung absolvieren. Dies ermöglicht es den ehemaligen Kindersoldaten, aktive und vollwertige Mitglieder der Gesellschaft zu werden und diese positiv zu prägen.

Land/Ort: Kolumbien – Medellín
Projektnummer: COM 17-015
Projektziel: Die ehemaligen Kindersoldaten verarbeiten ihre Vergangenheit und absolvieren eine Schul- und Berufsbildung.
Projektwirkung: Die ehemaligen Kindersoldaten führen ein selbständiges Leben, sind gut ausgebildet, den Anforderungen des Arbeitsmarktes gewachsen und in die Gesellschaft integriert.
Mittelbedarf: 110 000 CHF pro Jahr
Kurzbeschrieb als PDF

 

 

Hintergründe

Nach mehr als 50 Jahren haben die kolumbianische Regierung und die Guerilla-Gruppe FARC («Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia») ein Friedensabkommen unterzeichnet, das am 1. Januar 2016 in Kraft getreten ist. Dies ist ein Meilenstein in der Geschichte des Landes. Friedensgespräch mit der ELN, der letzten aktiven Guerillagruppe in Kolumbien, sind seit Oktober 2017 am Laufen.

Der jahrzehntelange Konflikt hinterlässt mehr als sieben Millionen direkt betroffene Menschen; davon wurden mehr als sechs Millionen aus ihren Dörfern vertrieben und mehr als 200 000 getötet. In manchen ländlichen Gebieten kennen Generationen nichts als Vertreibung, Krieg und Gewalt.

Zu den direkten und indirekten Opfern des Konflikts gehören auch Kinder und Jugendliche. Es wird geschätzt, dass sich unter den registrierten Opfern mehr als 2 Millionen Kinder und Jugendliche befinden. Tausende dieser Kinder und Jugendlichen dienten als Kindersoldaten in der Guerilla oder paramilitärischen Gruppen (bandas criminales), die sich im Zuge des Konflikts zwischen den linksgerichteten Guerillagruppen und dem Staat herausbildeten. Es wird geschätzt, dass die Kindersoldaten bei ihrem Eintritt in die Guerilla oder kriminellen Banden ein Durchschnittsalter von lediglich 13 Jahren hatten. Manche wurden entführt und zu einem Leben als Kindersoldat gezwungen, andere verloren alles und hatten keine andere Wahl, wieder andere traten freiwillig den Aufständischen bei – geleitet von einem naiven Heldenbild oder der Hoffnung, das von Armut und Gewalt geprägte Zuhause verlassen zu können.

Die ehemaligen Kindersoldaten haben so anstatt einer Schulbildung eine militärische Ausbildung absolviert: sie lernten weder lesen, schreiben noch rechnen; dafür aber Disziplin, Gehorsam und den Umgang mit Waffen. Ihre Kindheit verbrachten sie unter prekären Bedingungen in militärischen Lagern, ohne Zugang zu Grundversorgung oder elterlicher Zuneigung. Das Zusammenleben in den Guerillagruppen war geprägt von militärischen Hierarchien, autoritären Strukturen und Gewalt. Gewalt war denn auch das prägende Element zwischenmenschlicher Beziehungen: während Buben nach harten männlichen Stereotypen erzogen wurden, wurden viele Mädchen sexuell ausgebeutet. Die für eine positive Entwicklung so wichtigen Elemente wie Geborgenheit, Liebe, Vertrauen und Zuneigung erfuhren sie in den bewaffneten Gruppen keine.

Im Zuge der offiziellen Demobilisierung der FARC sind bereits viele Kindersoldaten freigekommen und es wird erwartet, dass mit fortschreitendem Friedensprozess noch mehr Kinder und Jugendliche den Waffen entkommen werden. Die gesellschaftliche Wiedereingliederung stellt sie allerdings vor eine riesige Herausforderung: Sie müssen mit ihrer Vergangenheit abschliessen und einen grossen Schritt in die Zukunft machen. Die Zwangsrekrutierung, die Trennung von der Familie, die sexuelle Ausbeutung, Gesundheitsprobleme und ungenügende Ernährung – all das und noch viel mehr muss verarbeitet und überwunden werden.

Das Erlebte formte ihr Denken und ein grosses Misstrauen zeichnet das Handeln der Jugendlichen aus. Vor lauter erlerntem Argwohn fällt es ihnen schwer, zwischenmenschliche Beziehungen richtig zu deuten und sie verkennen freundschaftliches Verhalten.

Zur Überwindung dieser individuellen Traumata sind sie auf professionelle Unterstützung angewiesen. Doch eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft kann nur erfolgreich sein, wenn den jungen Menschen Werkzeuge gereicht werden, die ihnen innerhalb der Gesellschaft ein selbständiges Leben ermöglichen. Deshalb ist es wichtig, dass sie neben der psychologischen Betreuung auch eine Schul-, und vor allem eine Berufsbildung erhalten.

Unsere Arbeit

Im Sozialwerk «Ciudad Don Bosco» in Medellín unterhalten die Salesianer Don Boscos seit 15 Jahren das Programm «Casa de Protección Especializa (CAPRE) – Construyendo Sueños» («Haus für besonderen Schutz – «Träume schaffen») für die Wiedereingliederung ehemaliger Kindersoldaten. Ursprünglich war das Sozialwerk auf die Betreuung von Strassenkindern spezialisiert, doch plötzlich standen ehemalige Kindersoldaten vor der Tür, die um Aufnahme baten aber ganz andere Bedürfnisse hatten. Heute bietet das Programm 75 jungen Menschen einen Schlaf- und Ausbildungsplatz. Sie werden von einem interdisziplinären Team integral betreut und auf die Wiedereingliederung in die Gesellschaft vorbereitet.

Das Ziel der Salesianer Don Boscos ist nicht nur, dass die Jugendlichen den Weg in die Selbständigkeit und Gesellschaft finden, sondern vor allem dass sie für sich neue Lebensziele kreieren und zu Protagonisten ihres eigenen Lebens werden. Die Salesianer begreifen die Jugendlichen in ihrer individuellen Realität und bauen eine Beziehung des gegenseitigen Vertrauens auf. Das Programm geniesst landesweiten Vorbildcharakter und erzielt den ersten Platz in einer nationalen Evaluation ähnlicher Wiedereingliederungsmassnahmen. Mit dem Programm «Construyendo sueños» sind bereits 2500 ehemalige Kindersoldaten auf ihrem Weg zurück in die Gesellschaft begleitet worden.

In den Einrichtungen der Salesianer Don Boscos beginnt ein langer Weg. Als Erstes müssen die jungen Menschen Vertrauen zu ihren Betreuungspersonen aufbauen und belastende Erlebnisse verarbeiten. Pater Rafael Bejarano, Direktor der Ciudad Don Bosco in Medellín, erklärt: «Diese Kinder wissen, wie es sich anfühlt, nur noch sterben zu wollen. Diese Traumata müssen erst behandelt werden, bevor ein Neuanfang möglich ist. Das braucht viel Zeit und Geduld». Jeder Jugendliche wird deshalb individuell begleitet und so erfahren viele zum ersten Mal in ihrem Leben, was es heisst, geachtet und als Individuum angenommen zu werden.

Die Wiedereingliederung wird durch ein ganzheitliches Konzept ermöglicht: neben medizinischer und psychologischer Betreuung wird viel Wert auf Freizeitangebote wie Musik und Sport sowie Persönlichkeitsentwicklung gelegt. Die jungen Frauen und Männer holen ihre Schulbildung nach und lernen begleitend dazu in den Don-Bosco-Ausbildungsstätten einen Beruf. Die Ausbildungsgänge sind breit gefächert und mehrheitlich handwerklich orientiert. So können die Jugendlichen in einer Metall- oder Holzwerkstatt, in einem Coiffeur- und Schönheitssalon und vielen anderen Bereichen eine Lehre absolvieren.

Jeder junge Mensch braucht unterschiedlich viel Zeit, bis er oder sie bereit ist, die Ciudad Don Bosco zu verlassen und auf eigenen Füssen zu stehen. Doch auch wenn die Jugendlichen das Zentrum verlassen haben, können sie immer noch auf den Rat und Rückhalt des Programms zählen. Regelmässige Treffen geben ihnen den nötigen Halt und ermöglichen rasche Hilfe in schwierigen Situationen. Die Erfolgsquote ist bemerkenswert: 85 % aller Jugendlichen schaffen die Rückkehr in ein geregeltes, selbstbestimmtes und ziviles Leben.

Erfolgsgeschichte

Juans* Biografie zeigt den langen und schmerzhaften Weg vom Leben als Kindersoldat hin zu einem aktiven Mitglied der Gesellschaft exemplarisch auf.

«Ich war 11 Jahre alt, als ich der Guerilla beitrat – aus vielfältigen Gründen. In der Gegend, aus der ich stamme, gibt es praktisch keine Einkommensmöglichkeiten, mein Vater war gewalttätig und bedrohte mich und meine Geschwister mit dem Tod. Ich begann mit 10 Jahren zu arbeiten, um meine Familie zu unterstützen, aber das Geld reichte nirgends hin. Die Versprechen auf ein besseres Leben veranlassten mich im Jahr 2006, der FARC beizutreten. Eines Nachts bin ich zusammen mit einer meiner jüngeren Schwestern von zu Hause weggelaufen. Wir glaubten, unser Leben würde besser – doch es stellte sich als Albtraum heraus. Vor dem Beitritt zu der Gruppe wurde mir versprochen, dass ich jederzeit wieder nach Hause könne. Es war eine Lüge. Nach einiger Zeit wurde mir gesagt, die Verpflichtung sei lebenslänglich. Ich hätte Kosten generiert, und sollte ich daran denken abzuhauen, würden sie mich erschiessen. Als dann auch noch meine Schwester bedroht wurde, beschlossen wir zu fliehen.
Die Flucht gelang uns. Wir wanderten nächtelang durch die Berge, ohne zu wissen, wo wir waren. Unsere einzige Nahrung war Wasser. Nach einiger Zeit gelangten wir in ein Dorf, wo wir zu essen bekamen. Nach Tagen der Unsicherheit und der Angst, ins Gefängnis geworfen zu werden, beschlossen wir, Kontakt mit der Kinderschutzbehörde aufzunehmen. Dies war der Wendepunkt in meinem Leben. Ich wurde in die Ciudad Don Bosco überwiesen. Hier begann meine Reintegration. Dort traf ich Jugendliche, die eine ähnliche Geschichte wie ich hatten. Ich merkte, ich bin nicht allein. Ich holte die Schule nach und studiere nun im dritten Semester internationale Finanzwirtschaft, habe Englisch gelernt und arbeite als Promotor für die Behörde, die sich um die Reintegration ehemaliger Kindersoldaten kümmert. In der Ciudad Don Bosco habe ich gelernt, mich mit meiner Vergangenheit zu versöhnen und Verantwortung zu übernehmen. Mein Lebenstraum ist es, mein Studium erfolgreich abzuschliessen und durch mein Tun und Handeln für andere Menschen ein Vorbild zu sein. Ich will für den Frieden in Kolumbien und in der Welt arbeiten.»

* Name geändert

Video

Das Schweizer Fernsehen SRF 1 zeigte an Heiligabend 2017 in der Sendung «mitenand» anhand eines konkreten Beispiels, wie lange der Weg ehemaliger Kindersoldaten zurück in ein normales, geordnetes Leben, in Familie und Gesellschaft ist – und welche Unterstützung sie dabei von den Salesianern Don Boscos erhalten.

Helfen auch Sie mit, dass ehemalige Kindersoldaten eine ganzheitliche Betreuung erhalten, damit sie den Frieden in Kolumbien als aktives Mitglied der Gesellschaft ermöglichen können. Spenden Sie mit dem Vermerk COM 17-015 und schenken Sie diesen Kindern und Jugendlichen Hoffnung! Herzlichen Dank für Ihre Grosszügigkeit!

Haben Sie Fragen? Kontaktieren Sie unsere Projektleiterin Nina Astfalck.